🌀 13: Was bleibt, wenn es still wird

Tim Müller • 24. Januar 2026

Taro hat nichts geplant.
Kein Termin, kein Training, kein Ziel.
Ein seltener Tag ohne Richtung –
und genau darin liegt die größte Herausforderung:
sich selbst nicht aus dem Weg zu gehen.

Es war Samstag.
Keine Schule.
Keine Betreuung.
Kein Coaching.
Ein freier Tag –
so frei, dass es fast unangenehm war.

Taro wachte früh auf.
Aus Gewohnheit.
Er saß am Küchentisch mit dem ersten Kaffee.
Kein Plan.
Kein Druck.
Nur er.
Und eine leere To-Do-Liste.

Die Uhr tickte laut.
Oder vielleicht war es gar nicht die Uhr –
vielleicht war es nur er,
der keine Ablenkung mehr hatte,
hinter der er sich verstecken konnte.

Und doch fühlte es sich an wie verschwendete Lebenszeit.
Doch Moment –
war die Zeit wirklich verschwendet,
wenn es nur um ihn ging?
Er wollte etwas machen,
seinen Tag sinnvoll nutzen.

Er überlegte, ins Gym zu fahren.
Dann verwarf er den Gedanken.
Heute nicht.
Er wollte herausfinden,
ob er auch ohne Gewichte ein Gewicht hatte.

Er spazierte los.
Ziel: keins.
Einfach gehen.
Beobachten.

Er setzte sich auf eine Bank im Park.
Kein Podcast.
Kein Scrollen.
Nur schauen.
Zuhören.
Spüren.

Eine Familie ging vorbei.
Ein Kind lachte laut.
Zwei Teenager stritten sich.
Ein alter Mann fütterte Tauben.

Taro fühlte sich fehl am Platz –
nicht, weil er nicht dazugehört hätte,
sondern weil er sich selbst nicht einordnen konnte.

Er stellte sich die Frage:
Wo ist mein Platz?
Oder...
Brauche ich überhaupt einen?

Er dachte an früher.
An Sonntage mit Videospielen.
An Samstage mit Freunden.
Dann an die letzte Woche.
Die Nachricht.
Das Gespräch mit dem Jugendlichen.
Der Knoten.
Der Spiegel.

Und plötzlich war da ein Gedanke,
wie eine Stimme, die ihm nicht gehörte:
„Du weißt genau, warum du dir das alles aufgebaut hast…
damit dich niemand mehr verletzen kann.“

Taro schluckte.
Ein Kloß im Hals.
Die Stimme war nicht real –
aber bekannt.
Nicht laut –
aber klar.

Er zückte sein Handy.
Scrollte durch Kontakte.
Fast mechanisch.
Dann blieb sein Daumen stehen.

Die Rothaarige.
Da war sie.
Ein anfangs hoffnungsvoller,
dann schmerzhafter
und nun...
bedeutungsloser Chat.

Nur der Name.
Und ein kleines Bild.
Alles, was blieb.

Er überlegte.
Zögerte.
Legte das Handy weg.

Noch nicht.

Aber der Gedanke war wieder da.
Und das bedeutete etwas.

Vielleicht würde es kein Happy End geben.
Aber ein ehrliches Ende –
oder ein neuer Anfang.

🔜 Kapitel 14: Der Spiegel fragt zurück

Ein zufälliges Wiedersehen bringt alles durcheinander.
Taro steht plötzlich nicht mehr vor seinem Spiegelbild –
sondern gegenüber.
Und diesmal gibt der Spiegel eine Frage zurück,
die nicht mehr ignoriert werden kann.

📖 Kapitel 13 von 15
von Tim Müller 20. Februar 2026
Früher dachte ich, investieren heißt: Aktien, ETFs, Rendite. Heute weiß ich: Investieren beginnt in dem Moment, in dem ich meine Lebenszeit bewusst einsetze. In Gespräche. In Projekte. In Menschen. In mich selbst. Rückblickend hat sich mein Verständnis von „Investition“ verändert – nicht schlagartig, sondern Stück für Stück. Vielleicht begann es, als ich in meiner Ausbildung im Lager stand und realisierte: Ich gebe hier acht Stunden meines Lebens – für ein paar hundert Euro im Monat. Gleichzeitig stand mein Vorarbeiter neben mir, tat fast dasselbe – verdiente aber ein Vielfaches. Gleiche Zeit – völlig unterschiedlicher Gegenwert. Damals begann das erste Mal der Gedanke zu reifen: Zeit ist Geld – aber nicht im klassischen Sinn. Zeit ist Wert. Und Wert ist nicht für alle gleich. Seitdem hat sich vieles getan. Corona war ein Booster: Weniger Ablenkung draußen, mehr Zeit für mich, meine Gedanken, meine Finanzen. Ich begann zu tracken. Erst Geld, dann Gewohnheiten, dann Gedanken. Heute motiviert mich mein Excel-Sheet nicht nur wegen der Zahlen. Sondern weil ich sehe: Meine Zeit arbeitet für mich. Nicht jede Sekunde. Nicht perfekt. Aber sichtbar. Greifbar. Und zunehmend strategischer. Doch „Investieren“ ist längst nicht nur finanziell. Wenn ich zum Sport gehe, in Coaching-Bücher lese, Gespräche führe oder diesen Blog schreibe – dann investiere ich. Und das ist die eigentliche Erkenntnis: Du bist Investor – ob du willst oder nicht. Ob du zockst oder wächst. Ob du lernst oder leer scrollst. Deine Lebenszeit ist immer in Bewegung – die Frage ist nur: Wohin fließt sie? 💬 Was mir heute bewusst ist - Lebenszeit ist der einzige Rohstoff, der wirklich knapp ist. Alles andere – Geld, Status, Besitz – lässt sich irgendwie ersetzen. Zeit nicht. - Du kannst nicht nicht investieren. Auch Faulheit, Prokrastination und Verdrängung sind Investitionen – mit oft magerer Rendite. - Nicht jede Rendite ist sofort sichtbar. Manche Erkenntnisse, Routinen oder Begegnungen wirken erst Jahre später – aber dann umso stärker. - Es geht nicht ums Maximieren. Es geht ums Bewusstmachen. Du musst nicht immer „höher, schneller, weiter“ denken. Aber du darfst dich fragen, was dir wichtig ist. 🔗 Coaching verbindet – auch durch Perspektivwechsel Diese Blogreihe ist kein Investment-Ratgeber. Sondern ein Denkraum. Für dich. Für mich. Für uns alle. Sie verbindet Lebensbereiche – Finanzen, Körper, Beziehungen, Wissen – mit dem, was uns alle betrifft: Zeit. Und wie wir sie nutzen. „Coaching verbindet“ – weil es Gedanken verknüpft, Leben reflektiert und Entscheidungen bewusster macht. ⏭️ Ausblick: Geld & Finanzen: Warum 5 Euro mehr sind als 5 Euro In Teil 2 schauen wir auf Geld – nicht als Zahl, sondern als gespeicherte Lebenszeit. Was motiviert mich wirklich zum Investieren? Welche Aha-Erlebnisse haben mein Mindset verändert? Und warum es völlig okay ist, aus Magic-Karten das Investieren zu lernen.
von Tim Müller 7. Februar 2026
Montagmorgen. Kaffee. Leise Musik. Taro saß auf dem Balkon, die Sonne wärmte seine Unterarme. Der Tag würde gleich beginnen – aber zum ersten Mal seit Langem fühlte sich das nicht wie ein „Müssen“ an, sondern wie ein „Dürfen“. Er dachte zurück. Nicht chronologisch. Mehr wie ein innerer Film. Die Begegnungen. Die Blicke. Die Fragen. Der Knoten. Und plötzlich wurde ihm klar: Er hatte sich nicht neu erfunden. Er hatte sich erlaubt, zu sein. Seine Muskeln, sein Wissen, sein Investment-Portfolio – all das war echt. Es war nicht falsch. Nicht nur Schutzmechanismus. Aber die Motivation dahinter – die war es früher oft gewesen. Nicht gesehen werden. Nicht gewählt werden. Nicht genug sein. Er hatte gebaut, geschwitzt, gelesen – um sich unantastbar zu machen. Doch am Ende waren es nicht die Erfolge, die ihn heilten. Sondern der Moment, in dem er aufhörte, sie beweisen zu müssen. Der Schatten war noch da. Er wusste das. Er würde vielleicht nie ganz verschwinden. Aber: Er war kleiner geworden. Weil Taro ihn nicht mehr fütterte. Nicht mit Likes. Nicht mit Blicken. Nicht mit der Frage: „Bin ich jetzt endlich gut genug?“ Denn das war er. Nicht, weil andere es sagten. Sondern, weil er es selbst gespürt hatte. Er stand auf. Packte seine Tasche. Das Gym wartete. Nicht als Flucht. Nicht als Bühne. Als Ort, an dem er gern war. Später würde er unterrichten, eine Betreuung leiten, vielleicht einem Jugendlichen etwas mitgeben. Nicht aus Pflicht. Sondern weil er es konnte. Weil er nicht mehr suchte, sondern teilte. Seine Disziplin war geblieben. Sein Ehrgeiz auch. Aber sie hatten eine neue Richtung bekommen. Waren kein Beweisstück mehr – sondern Werkzeug. Nicht gegen sich. Für sich. Am Ende dieses Tages war er wieder Taro. Nicht perfekt. Nicht erleuchtet. Aber echt. Und manchmal – reicht genau das. 📖 Kapitel 15 von 15 Abschluss der Reihe: Schattenarbeit – Der Weg durch mich selbst
von Tim Müller 31. Januar 2026
Der Sonntag war windig. Taro fuhr früher los als geplant, er hatte Lust auf einen Spaziergang am Wasser. Ein wenig frische Luft. Einfach Bewegung – nicht für Kalorien, nicht für Fortschritt. Nur für sich. Der Weg am Fluss war leer. Nur vereinzelt Menschen, die den Herbst begrüßten, mit Jacken, Schals und dem ersten heißen Kaffee in der Hand. Taro blieb kurz stehen, sah aufs Wasser. Er dachte an nichts Bestimmtes. Es war still in ihm. Nicht leer. Nur ruhig. Fast ungewohnt. Er bog um eine Biegung. Dann blieb er stehen. Nicht abrupt. Aber spürbar. Sie. Die Rothaarige. Ein paar Meter vor ihm. Mit zwei Freundinnen. Lachend. Natürlich. Ungezwungen. Sie sah ihn. Nicht überrascht. Nicht erschrocken. Nur... da. Mit einem kurzen Zucken im Blick – so, als hätte auch sie für einen Moment an etwas gedacht, was mal zwischen den Zeilen stand. Taro zwinkerte ihr leicht zu. Ein stiller Gruß. Sie auch, sie lächelte. Diesmal verzauberte ihn diese jedoch nicht. Kein Gespräch. Kein Halt. Nur dieser eine Blick. Und plötzlich war da kein Schmerz. Kein Rückzug. Kein inneres Beben. Sondern etwas anderes: Frieden. Nicht, weil alles gut war. Sondern, weil es nicht mehr wehtat. Weil der Schatten, der einst so viel in ihm ausgelöst hatte, nicht mehr das letzte Wort hatte. Er atmete tief ein. Der Wind wehte stärker. Trug den Moment davon. Und mit ihm all die Erwartungen, die nie erfüllt wurden – und auch nicht mehr mussten. Taro ging weiter. Kein Blick zurück. Aber auch keiner nach vorne. Er war einfach da. Gegenwärtig. Er selbst. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sich das genug an. Nicht als Rolle. Nicht als Ergebnis. Nicht als Fassade. Sondern als Antwort. 🔜 Kapitel 15: Und dann – ich Der Abschluss. Nicht laut. Nicht pathetisch. Aber ehrlich. Taro blickt zurück – nicht auf die Ereignisse, sondern auf sich. Was geblieben ist, was gegangen ist und was neu wachsen darf. Ein Kapitel über Integration, nicht über Perfektion. 📖 Kapitel 14 von 15
von Tim Müller 17. Januar 2026
Es war ein ruhiger Nachmittag. Die Sonne stand tief, Taro saß mit zwei Schülern an einem Tisch, sie bastelten an einem Projekt. Eine Kollegin kam vorbei, hielt kurz inne, zückte ihr Handy. „Bleib mal so sitzen – sieht cool aus!“ Klick. Taro lächelte gezwungen, so wie man es tut, wenn man fotografiert wird, ohne gefragt worden zu sein. Er dachte nicht weiter darüber nach. Später, am Abend, schickte die Kollegin das Bild in die Gruppe. „Der Chef bei der Arbeit 😎“ Taro öffnete die Nachricht – und blieb hängen. Nicht an der Bildqualität. Nicht an der Pose. Sondern an dem Ausdruck in seinem Gesicht. Nicht gestellt. Nicht bewusst. Ein eingefangener Moment. Er sah erschöpft aus. Leer. Nicht traurig – aber weit weg von dem Bild, das er selbst von sich hatte. Er zoomte näher. Sah sich an. Die Augen wirkten müde. Der Körper angespannt, selbst im Sitzen. Als würde er mehr halten, als der Moment verlangte. Er erinnerte sich an frühere Bilder. Selfies. Spiegelbilder im Gym. Da war Fokus. Kontrolle. Haltung. Und hier? Da war etwas anderes. Ehrlichkeit. Ungewollt. Unverstellt. Taro legte das Handy weg. Starrte an die Decke. „Das bin ich… wenn ich nicht daran denke, jemand zu sein.“ Der Gedanke traf ihn. Weil er wusste, dass genau dieser Moment ihn mit einer Wahrheit konfrontierte, die schwerer wog als jedes Gewicht. Er war müde vom Funktionieren. Müde vom Eindruck. Müde von sich selbst – in seiner Rolle. Er stand auf, ging zum Spiegel im Flur. Nicht der im Gym. Nicht der mit perfektem Licht. Ein ganz normaler Spiegel. Neutral. Er sah sich. Stellte sich frontal hin. Und fragte sich zum ersten Mal seit Langem: „Was würde ich sehen, wenn ich mich nicht bewerte?“ Keine Antwort. Nur ein Hauch von Klarheit in seinem Blick. Ein winziges Nachgeben in den Schultern. Es war kein Wendepunkt. Kein Durchbruch. Aber vielleicht der Moment, in dem er sich erlaubte, nicht nur durch die Augen der Welt zu schauen – sondern durch seine eigenen. 🔜 Kapitel 13: Was bleibt, wenn es still wird Ein Tag ohne Pläne. Ohne Struktur. Ohne Ziel. Taro versucht, nichts zu tun – und merkt, wie schwer es ist, sich selbst auszuhalten, wenn niemand etwas von ihm will. 📖 Kapitel 12 von 15
von Tim Müller 10. Januar 2026
Der Tag begann wie jeder andere. Taro stand früh auf. Kein Frühstück – Fasten war die Devise. Den Kaffee ließ er halbvoll stehen, pünktlich stand er im Lehrerzimmer. Es war alles wie immer. Und doch: Etwas in ihm hatte sich verschoben. Der Knoten aus dem Vortag – er war nicht verschwunden. Nur tiefer gerutscht. Von der Brust in den Bauch. Still, aber präsent. In der zweiten Stunde rutschte einem Schüler ein Kommentar raus. Nichts Böses. Ein Witz, ein Spruch. Die Klasse lachte. Auch Taro. Doch es war kein echtes Lachen. Eher ein Reflex – wie jemand, der mitlacht, um nicht aufzufallen. Er fühlte sich entlarvt. Nicht, weil ihn jemand durchschaut hätte – sondern weil er spürte, wie viel Energie es kostete, die Rolle zu halten. In der Pause saß er allein. Kein Gespräch. Kein Smalltalk. Sein Blick wanderte über den Schulhof, aber seine Gedanken blieben bei sich. Er erinnerte sich an das Gespräch mit dem Jugendlichen: „Glauben Sie, man kann sich verändern?“ Damals hatte Taro geantwortet. Sicher, ruhig, fast weise. Aber heute… wusste er nicht einmal, ob er selbst sich gerade veränderte – oder nur langsam auflöste. Am Nachmittag war niemand mehr da. Die Kinder waren früher gegangen. Kein Klient. Die Börse stabil, kein Handlungsgrund. Das Gym vorübergehend geschlossen – technischer Defekt. Zum ersten Mal seit Langem: Keine Termine. Keine Rollen. Keine Pflicht. Nur er. Und Stille. Taro ging in das Betreuungszimmer, setzte sich auf den Boden. Lehnte den Kopf an den Schrank. Und wartete. Auf was, wusste er nicht. Es war dieser Moment, wo man sich wünscht, dass jemand hereinkommt – nur um zu merken, wie leer es wirklich ist, wenn niemand hinsieht. Keine Zuschauer. Keine Likes. Keine Erwartungen. Nur Taro. In Jogginghose. Mit müden Augen. Und einem leisen Satz im Kopf: „Bin ich genug, wenn ich nichts gebe? Wenn ich niemandem helfe? Wenn ich einfach nur… bin?“ Er saß lange so da. Und zum ersten Mal spürte er, wie laut Stille sein kann. Aber auch: Wie ehrlich. Denn vielleicht beginnt der Weg zur Heilung nicht mit einem Training, nicht mit einem Gespräch – sondern genau hier. Er wollte sein Thema nicht wieder zerdenken und in schützende Gedanken abschweifen. Nicht dieses Mal. Er wusste: Diesmal würde er sich dem Moment stellen. Dem tiefen Gefühl. Dem Drang, es mit „etwas Sinnvollem“ zu überdecken. Er ließ auch die erschlagend ehrlichen Gedanken zu – die er sonst nur zuließ, wenn niemand hinsieht. Ein kurzer Stich, ein Hauch von Scham: Waren es nicht die gleichen Ratschläge, die er sonst Schülern und Klienten gab? „Bin ich nicht in der Lage, meine eigenen Ratschläge wahrzunehmen?“ – „Stopp.“ Eine innere Stimme. Nur weil du die Lösung selbst nicht siehst, bedeutet das nicht, dass deine Ratschläge falsch waren. „Der Perfektionismus und deine Selbstkritik sind gerade fehl am Platz.“ Er kannte diese Stimme. Taro. „Sei nicht so streng mit dir.“ Denn nicht jeder Knoten ist ein Problem. Manche zeigen dir nur, dass du in Bewegung warst – und jetzt etwas festhältst, das du vielleicht loslassen darfst. 🔜 Kapitel 12: Die andere Seite des Spiegels Ein Blick. Ein Foto. Eine ungeschönte Momentaufnahme, die Taro nicht geplant hatte – aber ihn mit etwas konfrontiert, das er lange vermieden hat: sich selbst. 📖 Kapitel 11 von 15
von Tim Müller 3. Januar 2026
Taro hatte schlecht geschlafen. Nicht wegen Albträumen. Nicht wegen Hitze. Es war dieses unterschwellige Ziehen – im Kopf, im Bauch, irgendwo dazwischen. Ein Gefühl wie Muskelkater der Seele. Nicht akut. Aber spürbar. Der Tag lief wie gewohnt. Schule. Betreuung. Termine. Er funktionierte. Spulte sein Programm ab. So wie immer. Aber darunter: Stillstand. Ein leises Gefühl von: „Irgendwas stimmt nicht.“ Nachmittags, in einer ruhigen Minute im Büro, scrollte Taro durch alte Bilder. Er sah sich selbst. Zwei Jahre her. Noch etwas weicher im Gesicht, weniger definiert. Aber da war etwas – ein Blick, ein Funke. Ein Leuchten. Er hielt inne. Zoomte näher ran. Versuchte zu erkennen, was heute fehlte. „Wann habe ich das letzte Mal gestrahlt – ohne dass es etwas mit Fortschritt zu tun hatte? Ohne Grund. Einfach… weil ich war?“ Abends saß er im Auto vorm Gym. Der Shake noch unberührt. Sein Trainingsplan offen. Aber er starrte durch die Windschutzscheibe. Drehte nicht den Schlüssel. Er dachte an all die Momente, in denen er sich aufgerichtet hatte, um stark zu sein – stark zu wirken. Nach unzähligen Herausforderungen – und auch nach den neuesten: Nach dem Korb. Nach dem Satz mit den Masken. Nach den Teenie-Kommentaren. Nach dem Chat vom Trainingspartner. Immer war da ein Reflex gewesen: „Mehr leisten. Weitergehen. Härter werden.“ Aber heute fühlte es sich anders an. Nicht, weil er weniger konnte. Sondern, weil er nicht mehr wollte. Taro lehnte den Kopf zurück. Atmete tief ein. Und dann, tat er etwas, das er sonst nie tat: Er ging nicht rein. Kein Training. Kein Gewichte stemmen. Kein Schwitzen. Stattdessen fuhr er ans Wasser. Setzte sich auf eine Bank. Allein. Still. Er sah auf die Oberfläche. Sie war ruhig. Und doch wusste er: Darunter ist Bewegung. Der Knoten in seinem Bauch war noch da. Aber zum ersten Mal spürte Taro keinen Drang, ihn zu lösen. Er ließ ihn da. Spürte ihn. Akzeptierte ihn. Aus seiner Ausbildung wusste er, dass man den Fokus manchmal nach innen richten muss, um im Außen etwas zu verändern. Ein kurzer Stich. Scham. Waren es nicht genau diese Ratschläge, die er seinen Klienten und Schülern mit auf den Weg gab? Er fühlte sich nicht authentisch. „Bin ich nicht in der Lage, meine eigenen Ratschläge wahrzunehmen?“ „Stopp.“ – eine innere Stimme. „Nur weil du die Lösung selbst nicht sofort siehst, heißt das nicht, dass deine Ratschläge schlecht waren.“ „Dein Perfektionismus und deine Selbstkritik sind gerade fehl am Platz.“ Er kannte Taro. Und fügte leise hinzu: „Sei nicht so streng mit dir.“ Denn nicht jeder Knoten ist ein Problem. Manche zeigen dir nur, dass du in Bewegung warst – und jetzt etwas festhältst, was du vielleicht loslassen darfst. 🔜 Kapitel 11: Wenn niemand hinsieht Was bleibt übrig, wenn du nicht funktionierst? Taro erlebt einen Tag, an dem alles kippt – und erkennt, dass seine größte Angst nicht das Scheitern war, sondern gesehen zu werden, wenn die Fassade fällt. 📖 Kapitel 10 von 15
von Tim Müller 27. Dezember 2025
Taro war früh dran. Zu früh. Das Studio war noch leer. Er liebte diese Momente. Der Geruch von Herausforderung, die monotone Musik im Hintergrund, die erste Belastung auf dem Muskel, das erste Knistern der Geräte – bevor das richtige Tagesgeschäft losging. Heute fühlte sich alles schwerer an. Nicht die Gewichte – die Gedanken. Er war da, aber nicht wirklich da. Seit der Nachricht gestern Abend ging ihm eine Zeile nicht aus dem Kopf: „…als würden wir immer Masken tragen…“ Er stand am Kabelzug, als sein Trainingspartner kam. Locker, laut, durchtrainiert. Jemand, der auf Social Media zuhause war und beim Bankdrücken mehr Reichweite als Reps zählte. „Ey Bro“, rief er, „dein Cut läuft gut, wie ich sehe – aber du wirkst zurzeit so still. Alles gut bei dir, oder nur wieder Stress auf der Arbeit?“ Taro zuckte kaum sichtbar. Ein Lächeln, das keins war. „Alles gut.“ Der andere grinste. „Ey, wenn du mal Tipps brauchst, wie du in die DMs kommst – sag Bescheid. Mit deinem Body dürft’s eigentlich nicht so schwer sein.“ Woher er wusste, dass Taro gerade an die Nachricht von ihr dachte, wusste er selbst nicht. Aber er hatte recht. Seine Maske schien heute nicht richtig zu sitzen. Oder trug er überhaupt eine? Taro lachte kurz, aber es war dieses leere, mechanische Lachen. Das, das man benutzt, wenn man lieber nicht drüber nachdenken will, ob da was Wahres dran ist. Als der andere sich an die Langhantel setzte, blieb Taro kurz stehen. Er sah sich im Spiegel. Nicht den großen – sondern den kleinen. Nicht die Muskeln. Nicht den Pump. Nur sich. Und da war es wieder – dieses leise Flackern von Zweifel. Er dachte zurück. An Schulzeiten. An die Blicke. An das Gefühl, immer der zu sein, der sich anstrengen muss – und nie der, dem es zufällt. Der Trainingspartner lachte über irgendwas, zeigte ihm einen Chatverlauf. Ein Match. Ein Screenshot. Ein flacher Witz. Taro nickte, doch sein Magen zog sich zusammen. Nicht wegen Neid. Nicht wegen der Frau. Sondern wegen dem Gefühl, dass er noch immer versucht, etwas zu kompensieren, das andere scheinbar ohne Mühe besitzen – er aber nie gelernt hatte. Später, auf der Matte beim Dehnen, legte Taro sich auf den Rücken, blickte zur Decke. Der Raum war laut geworden. Aber in ihm war es still. Eine Frage kreiste in seinem Kopf: „Tue ich das alles wirklich für mich?“ Und plötzlich war da kein Muskelkater. Nur ein Knoten. Im Bauch. 🔜 Kapitel 10: Der Knoten Manche Knoten lösen sich nicht durch Ziehen, sondern durch Loslassen. Taro beginnt zu erkennen, dass Selbstwert nicht durch Leistung entsteht, sondern durch einen Blick hinter die eigene Fassade. 📖 Kapitel 9 von 15
von Tim Müller 20. Dezember 2025
Es war spät. Kurz nach 22 Uhr. Taro saß im Auto, noch auf dem Parkplatz vorm Gym. Das Training war intensiv gewesen – wie immer, wenn der Tag zu viel war. Er wollte gerade den Schlüssel drehen, als das Display aufleuchtete. Eine Nachricht. Von einer Person, die er gerne klar gesehen hätte – aber doch immer nur schattenhaft geblieben war. Nicht nah – aber auch nicht ganz fremd. „Hey… ich muss dir doch absagen. Ich hab dabei kein gutes Gefühl. Es liegt auch nicht an dir, bei mir ist es zurzeit kompliziert. Ich hab das Gefühl, als würden wir immer eine Maske tragen, wenn wir uns sehen. Sry, echt.“ Taro las die Zeilen zweimal. Dann ein drittes Mal. Es fühlte sich an wie ein Verlust. Wie ein Sog, der sich in seinem Magen auftat. Er war nicht wütend. Aber auch nicht kalt. In dieser oberen Schicht war er schon öfter gekratzt worden. Aber diesmal brach etwas durch. Als wäre der Stein der Erkenntnis zu schwer gewesen für die bröckelnde Barriere aus Selbstschutz. Er schluckte. Starrte in den Rückspiegel. Sah sich selbst – die angespannte Kieferlinie, den Schweiß am Haaransatz, das Licht der Laterne, das den Innenraum fahl beleuchtete. Warum tat das so weh? Warum traf ihn ausgerechnet diese Nachricht? Weil sie nicht anklagte. Nicht forderte. Nur beschrieb. Und genau das machte sie so gefährlich. Weil sie stimmte. Er schrieb keine Antwort. Nicht sofort. Er stieg aus und lief los – ziellos, getrieben. Ohne Ziel. Ohne Musik. Einfach los. Sein Herz schlug ruhig. Aber tief. Als würde jede Silbe der Nachricht noch einmal pochen. „…Als würden wir immer Masken tragen…“ Er dachte an das Gespräch mit dem Jugendlichen. An das Mädchen im Gym. An sich selbst, wie er versuchte, alles richtig zu machen. Diszipliniert. Kontrolliert. Respektvoll. Aber nie wirklich… frei. Er blieb stehen. Blickte hoch in den Himmel. Trotz der hellen Sterne war das Himmelszelt für ihn dunkel. Aber irgendwie war da doch etwas. Ein Impuls. Eine Ahnung. Vielleicht war das der Moment, in dem nicht alles zusammenbrach – aber etwas sich neu zusammensetzte. Nicht laut. Nicht klar. Aber spürbar. 🔜 Kapitel 9: Muskel gegen Mangel Zurück im Gym. Ein Gespräch mit einem Trainingspartner bringt Taro ins Stolpern. Denn manchmal hört man den wahren Mangel nicht im Wort – sondern im Vergleich. Und genau dieser Vergleich trifft unerwartet tief. 📖 Kapitel 8 von 15
von Tim Müller 13. Dezember 2025
Taro war müde. Nicht körperlich – mental. Die Betreuung war laut gewesen, zäh. Er hatte versucht, für alle da zu sein. Geduldig, zugewandt, professionell. Doch dann kam dieser Moment. Zwei Mädchen kicherten am Fenster. Er konnte nicht hören, worum es ging. Nur die eine warf ihm einen frechen Blick zu. „Voll die Maschine, unser Herr M. – aber safe allein unterwegs“, murmelte sie, kaum hörbar. Die andere lachte. Dann waren sie weg. Taro blieb stehen. Es war nichts. Und gleichzeitig zu viel. Nicht wegen der Worte. Sondern wegen dem, was sie auslösten. Denn die Wahrheit hinter diesem Ton war erdrückend. Diese subtile Art zu verstehen, dass man beeindruckend sein kann – und doch nicht begehrenswert. Später im Auto griff er instinktiv nach dem Shake. Schüttelte ihn, trank, obwohl er keinen Hunger hatte. Er erinnerte sich an den Sommer. Palm Beach. Sie – das Mädchen aus dem Fitness. Der kurze Moment, als sie neben ihm saß. Als ihr Knie fast seins berührte. Und sie dann… wegsah. Nicht grob. Aber entschieden. Wie jemand, der kurz überlegt – und sich dann dagegen entscheidet. Er hatte sich damals eingeredet, es sei nichts. Einbildung. Selbstschutz. Aber der Schatten blieb. „Du bist nicht der, der gewinnt. Du bist der, der sich anstrengt.“ Taro schaltete das Radio lauter. Ein Song, der Erinnerungen weckte. Sein Blick im Rückspiegel – nicht auf den Verkehr. Auf sich selbst. Einen Mann mit Muskeln. Haltung. Kontrolle. Und vielleicht doch – der Verlierer im Spiel. Und doch: In manchen Momenten reicht ein Teenager-Kommentar, um sich wieder wie der zu fühlen, den niemand gewählt hatte – nicht in der Gruppenarbeit, nicht beim Sport, nicht beim Date. Er parkte. Atmete tief durch. Stieg aus. Heute Abend würde er wieder ins Gym gehen. Nicht, um stark zu sein. Sondern, weil es der einzige Ort war, an dem er sich wenigstens kurz unantastbar fühlen konnte. Aber auch das… war nur eine Rolle. 🔜 Kapitel 8: Der Punkt, an dem es kippt Taro trifft auf eine unerwartete Nachricht – und plötzlich steht nicht mehr Leistung im Vordergrund, sondern das, was nie ausgesprochen wurde. Ein Gespräch, das aus Verlegenheit entsteht, wird zum Wendepunkt seiner Schattenreise. 📖 Kapitel 7 von 15
von Tim Müller 6. Dezember 2025
Es war einer dieser Tage, an denen einfach alles funktionierte. Der Unterricht war ruhig verlaufen, die Betreuung lief ohne Zwischenfall. Sogar beim Coaching hatte Taro das Gefühl, er hätte den richtigen Ton getroffen. Er hatte alles im Griff. Nachts, beim Training, zog er das Shirt aus, sah sich im Spiegel der Umkleide. Körper angespannt. Definiert. Er wusste, wie er wirkte – und manchmal war das Wirkung genug. Er griff zu den Gewichten. Erhöhte das Tempo. Noch eine Wiederholung. Noch eine. Noch eine. Doch da war dieser Schatten. Eine kleine Irritation. Ein Gedanke, der sich leise einschlich. Ein Satz aus dem Coaching vorher: „Ich funktioniere nur, wenn ich mich selbst nicht spüre.“ Taro hatte ihn weggeschoben. Als Projektion des Jugendlichen. Nicht als eigenen Spiegel. Doch jetzt, unter der grellen Studiobeleuchtung, holte ihn etwas ein. Was, wenn seine Struktur nicht nur Stärke war, sondern auch ein Versteck? Er erinnerte sich, wie es sich anfühlte, emotional überfordert zu sein. Nicht weil zu viel war – sondern weil nie Platz war, um hinzusehen. Er setzte sich auf die Flachbank. Kein Gewicht mehr. Kein Ehrgeiz. Nur dieses Ziehen in der Brust – kein Muskelkater. Er sah auf sein Handy. Keine neuen Nachrichten. Er hatte Menschen um sich. Schüler. Kollegen. Klienten. Und doch: Wann hatte er das letzte Mal wirklich Nähe gespürt, ohne etwas leisten zu müssen? Er presste die Lippen zusammen. Trank seinen Shake in einem Zug. Stand auf. Trainierte weiter. Denn wenn der Schmerz nicht verschwinden will, musst du wenigstens stärker werden als er. 🔜 Kapitel 7: Zwischen Nähe und Rolle Ein Gespräch in der Betreuung wird zu mehr als Smalltalk. Taro wird plötzlich gesehen – nicht als Lehrer, nicht als Coach, sondern als Mensch mit Rissen. Und genau das verändert etwas. 📖 Kapitel 6 von 15